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Perspektivenwechsel Pflege
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Was Patient:innen über pflegende Angehörige wissen sollten

Ohne pflegende Angehörige wäre das Leben als Krebspatient:in noch schwerer als es eh schon ist. Doch oft bleiben ihre Sorgen, Belastungen und Bedürfnisse unsichtbar. Wir wollen dir helfen, die Perspektive deiner Angehörigen besser zu verstehen.

Womit sich dieser Artikel beschäftigt: 

  • Was im Kopf von pflegenden Angehörigen vorgeht
  • Wie du Grenzen respektierst
  • Wie du Platz lässt, sodass Angehörige Kraft tanken können
  • Wie du auslagerst und entlastest
  • Wie du offen kommunizierst

Heute wechseln wir die Perspektive! Ob Mutter, Schwester, Bruder, Cousin, Cousine, oder Partner:in – egal, wer dir durch diese Zeit hilft, eines ist sicher: Für sie alle ist Krebs ebenso belastend.

Unabhängig davon, wie tief eure Beziehung bisher war, in solchen Ausnahmesituationen lernt ihr euch noch einmal anders kennen. Denn das gegenseitige Verständnis wird in dieser Zeit erprobt wie ein Auto beim Crashtest. 

Also, um dir den Perspektivenwechsel zu erleichtern, haben wir unsere eigenen Erfahrungen mit denen der pflegenden Angehörigen und der Therapeutin Solveig Bauer kombiniert und in diesen Artikel kondensiert. Let’s go!

Person trägt Maske von Schaf verkehrt herum
Die Pflege eines geliebten Menschen stellt vieles auf den Kopf – ein Perspektivenwechsel kann neue Wege eröffnen. (Foto: Pexels Lilartsy)

Was geht im Kopf deiner Angehörigen vor?

Zuerst wollen wir uns bewusst machen, welche Belastungen unsere Angehörigen durchmachen. 

1. Doppelt belastet

Fangen wir mit dem Offensichtlichen an: Das normale Leben mit Arbeit, Freizeit(stress) und Organisatorischem ist oft schon zugepflastert. Und wenn nach der Pflicht nicht Erholung und Zweisamkeit wartet, sondern noch mehr Arbeit und Verantwortung, ist die Doppelbelastung mitsamt Pflegedienst und emotionaler Unsicherheit perfekt.  

Auf Dauer führt das fast unweigerlich zu Erschöpfung, die wiederum zu untypischem Verhalten führt. Der Ausnahmezustand wird zur Normalität, und die Energiereserven halten nicht ewig.  

2. Die eigenen Bedürfnisse gehen unter

Die Pflegesituation mischt die Prioritätenliste gewaltig durch. Eigene Bedürfnisse werden erstmal hintenangestellt. In manchen Fällen kann das bedeuten, dass deine Angehörigen selbst gesundheitliche Beschwerden entwickeln 

Das Level hebt sich nochmal, wenn die Pflege mit anderen Verpflichtungen wortwörtlich kollidiert. Stichwort: Kinder. Man müsste sich klonen, um dann noch auf seine eigenen Kosten zu kommen. 

Brauchst du einen Überlebensguide zum Pflegealltag? Hier lang zur Artikelserie “Pflegen für Anfänger:innen”!

3. Emotionales Kuddelmuddel 

Pflegende vergessen vielleicht manchmal, dass sie nicht diejenigen sind, die Krebs haben. Und müssen sich daran erinnern, dass sie gar nicht wissen können, wie es sich anfühlt”, meint Solveig (u.a. aus eigener Erfahrung). Genauso wie bei dir, schlagen also auch die inneren Wellen deiner Angehörigen hoch. Sie tun sich ebenso schwer damit, nicht in Angst, (Selbst-)Mitleid und Negativität unterzugehen 

Dementsprechend ist es alles andere als einfach, inmitten dieses Tsunamis der Gefühle ein Fels in der Brandung zu bleiben – für sich selbst und für dich.  

weiße Buchstaben durcheinander auf braunem Untergrund aus Holz
Zwischen Fürsorge und Überforderung – emotionales Chaos gehört bei vielen pflegenden Angehörigen dazu. (Foto: Pexels Lisettkruusimae)

Weil deine Angehörigen so sehr in deine Situation involviert sind, verschwinden die emotionalen Grenzen. Alles, was dir widerfährt, passiert gefiltert auch ihnen.  

Hilf denen, die dir helfen 

Damit die Pflegebeziehung langfristig stabil bleibt, ist es wichtig, dass beide Seiten ihre Bedürfnisse äußern und respektieren. Vieles dreht sich dabei um das Zurückschrauben von Erwartungen. Wir hätten da ein paar Ansätze, wie du diese Herausforderung bravourös bewältigen kannst. 

Respektiere Grenzen 

Pflegende Angehörige geben oft mehr, als sie können. Manche sagen es nicht offen, weil sie im Angesicht deiner Schwäche für dich stark sein wollen. Somit überschreiten sie ihre eigenen Grenzen, manchmal ohne es zu merken.  

Es ist wahrlich ein Balanceakt. Einerseits tust du gut daran, die Situation nicht mit übermäßigen Erwartungen zu belasten. Andererseits solltest du dich nicht schämen müssen, im Mittelpunkt zu stehen und Hilfe in Anspruch zu nehmen. 

Auch wenn die Grenzen manchmal verschwimmen, im Endeffekt bleibt ihr zwei verschiedene Lebensgeschichten. Und klar – ihr seid immer noch ein (extrem wichtiger) Teil voneinander – aber eben nur ein Teil, mehr geht nicht.
Solveig Bauer
Therapeutin

Also: Lerne die Grenzen deiner Angehörigen kennen und akzeptiere sie. Ermutige sie, „Nein“ zu sagen, wenn du merkst, dass sie sich überfordert fühlen. Ermögliche ihnen Pausen und ein Leben jenseits deiner Bedürfnisse. Ach, das klingt schon ganz nach unserem nächsten Punkt:

Lass Platz 

Erwarte nicht, dass dir deine Angehörigen all ihre Freizeit widmen. 

Natürlich will man sich auf sie verlassen können, aber behalte immer im Hinterkopf, dass die Personen auch noch andere Pflichten und Freuden in ihrem Leben brauchen. Sie sind keine Sklav:innen und dir verpflichtet, sondern helfen dir freiwillig und das solltest du ihnen mit Freiraum danken. 

männliche person steht am bug eines segelbootes
Pflegende Angehörige leisten viel – umso wichtiger ist es, dass sie Zeit für sich und das, was ihnen gut tut, haben. (Foto: Pexels/Ollivves)

Selbst wenn du schwer krank bist, gilt: Was deinen Angehörigen schadet, ist nicht das Richtige für sie. Deine Aufgabe ist es, ihnen die Möglichkeit zu geben, auch auf sich achten zu können. Solltest du also etwas verlangen, das sie nicht leisten können, ohne auch auf sich selbst zu achten, solltet ihr zumindest versuchen, eine andere Lösung finden. Auf der anderen Seite muss es aber ebenso Verständnis dafür geben,  wenn du dazu gerade schlicht nicht in der Lage bist. 

Wenn du willst, dass deine pflegenden Angehörigen dir auch auf Dauer mit Energie und Herz helfen können, musst du ihnen auf die eine oder andere Weise Auszeiten gewähren. Gehe aktiv auf sie zu!  

Auf der nächsten Seite widmen wir uns dem größten Erfolgsfaktor jeder Pflegebeziehung – der offenen Kommunikation. 

Über die Serie

Du bist Angehörige:r, Freund:in oder Bekannte:r einer Person mit Krebs? Dann gratulieren wir dir herzlich – denn jetzt dreht sich alles mal um DICH! Heute bist DU das Kind an einem Tisch voller Erwachsenen. Mittelpunkt Numero uno und das Augenmerk unserer neuen Serie. Denn Pflegende sind oft die heimlichen Held:innen. Wir geben ihnen eine Bühne, lassen sie zu Wort kommen und teilen ihre Geschichten: von Sorgen, Überforderung, Tabus, Reality-Checks – bis hin zu den kleinen und großen Erfolgen in der Pflege.  

Aber wo endet Hilfe, wo beginnt Bevormundung? Wie schaffst du es, dich selbst nicht zu verlieren? Diese Serie ist dein Rettungsring im Chaos des Pflegealltags – für dich und alle anderen, die sonst meist unsichtbar bleiben. Jetzt werden Rollen getauscht. 

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